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Jürgen Reichen (27.8.1939 - 19.10.2009)

Meine eigene Schulreform begann mit dem Kennenlernen des Werkstatt-unterrichts von Jürgen Reichen. Ich lernte seine Methode "Lesen durch Schreiben" in einer Hamburger Grundschulklasse 1991 kennen. Später begegnete ich ihm in Seminaren und besuchte ihn in seiner eigenen Klasse in der Schule Rellinger Straße. Beeindruckend war der andere Umgang mit den Kindern. Der bedingungslose Respekt vor dem Einzelnen und das Zugestehen des eigenen Weges prägten den Lernalltag. Viele Lehrer hat er inspiriert und überall sehen wir Schulklassen, die nach seinen Prinzipien arbeiten.

Er wurde auch mein Vorbild bei all meinen Unterrichtsveränderungen hin zu einer Lernwerkstatt für ältere Schüler. Er war mir ein Vorbild in seiner Unerschrockenheit, mit der er seine Lernphilosophie vehement vertrat. Auch wenn es nicht wenige gab, die seine Ideen nur halbherzig umsetzten und ihre Niederlagen dann ihm zuschreiben wollten. War es ein Nichtverstehenwollen oder das Unvermögen der Kolleginnen? Jeder machte ein "bisschen Werkstatt", jede Fibel hatte eine "Anlauttabelle". Aber es war nicht das Original und die Kernaussagen seiner Arbeit blieben z.T. unberücksichtigt, seine Ideen wurden verfälscht.

So wird z.B. seine Abkehr vom Lehren hin zum selbstbestimmten Lernen gern mal vernachlässigt. Wenn dies auch noch in seinem Namen "nach Reichen" geschieht, kann man seine Verärgerung nur zu gut nachvollziehen. Er hat die traditionelle Schule grundlegend in Frage gestellt. Er hat einen Gegenentwurf geschaffen, ihn in den eigenen Klassen erprobt, im deutschsprachigen Raum verbreitet und damit auch stark polarisiert.  

Diese oftmals versteckten Anfeindungen auszuhalten, nicht aufzu-geben, sondern den Mut zu finden weiterzumachen, auch wenn im bestehenden System die Arbeit ignoriert, diffamiert oder sogar bekämpft wird, ist nicht einfach gewesen.

Jürgen Reichen ist mir auch darin ein Vorbild geworden. 

In einem Seminar in den 90ern riet Jürgen Reichen einer jungen Kollegin nun endlich zu beginnen, anstatt nur immer seine Seminare zu besuchen. "Sie selbst müssen sich entscheiden und beginnen". Wie oft muss ich an diese Situation denken, wenn Kolleginnen ankündigen auch bald mit dem Notwendigen beginnen zu wollen, aber es dann doch nie geschieht...

Jürgen Reichen hat mit seinen Fortbildungen, seinen Veröffent-lichungen und seinen Materialien den Grundschulunterricht verändert und heute sehen wir auch in der Sekundarstufe seine Spuren.

Noch zwei Tage vor seinem Tod gab er eines seiner Seminare in Weimar. Er wird uns fehlen. Mir bleiben persönliche Erinnerungen und ich verdanke ihm die Einsicht, dass Schule auch ganz anders sein kann, sein muss.

Er hinterlässt uns seine Lernphilosophie; sorgen wir dafür, dass sie weiter verbreitet wird - in seinem Sinne.

 

Sabine Schiller

 

Rundbriefe von Jürgen Reichen 1992 - 2009
Download-Quelle
www.heinevetter.de
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Jürgen Reichens Materialien erscheinen im Hamburger Heinevetter Verlag:

 www.heinevetter-verlag.de

 

Von Pädagreueln und Didadogmen - Plädoyer für einen Paradigmenwechsel
Referat Jürgen Reichen
Quelle:
www.lesenschreiben-bern.ch/_downloads/ref_reichenJuergen.pdf
ref_reichenJuergen.pdf
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Nachruf von Hans Brügelmann zum Tode von Jürgen Reichen